Energie des Erzählens

„Erzählte Energie“ ist die Energie, von der Geschichten handeln. Es gibt jedoch nicht nur diese Energie, sondern auch eine Energie, die aus dem Erzählen kommt. Engagement und Tatkraft entstehen dort, wo Menschen erzählen und wo sie dadurch die eigene Rolle darstellen und überdenken können. Wer erzählt, gewinnt eine Stimme. Die besondere Macht des Erzählens  beschäftigt Sozialwissenschaftler genauso wie Historiker und Literaturwissenschaftler.

Zu denjenigen, die früh die Energie erkennen, die aus dem Erzählen wächst, gehört zum Beispiel Fakir Baykurt. Er wird 1929 in Akçaköy, Türkei, geboren, und stirbt 1999 in Essen. In der Erzählung „Das Grab“ schildert er 1982 ein Grubenunglück im Kohlebergbau. „In der Grube 2 kochte es vor Hitze. In aller Eile schaffte man die Bahren heran, die einsatzbereit an der Stollenwand standen, und trug die Toten sofort zu den Förderkörben. Diesmal hatten drei Türken und ein Deutscher dran glauben müssen.“

Baykurt hat einen Blick für grausame Details. Er erzählt aber gleichzeitig poetisch. Und er zeigt in seinen Texten Nöte und Sehnsüchte, die man heute kaum wahrnehmen würde, wenn sie nicht erzählt worden wären. Hierzu gehört in „Das Grab“ die Frage, wo ein türkischer Bergmann bestattet werden soll. Es ist auch symbolisch gemeint, wenn Baykurts Geschichte mit dem Entschluss endet: In Deutschland.

Es sind wenige, aber wichtige Stimmen, die durch das Erzählen solche Geschichten formulieren. Sie handeln immer auch von einem Stück deutscher Geschichte, das man lange übersehen konnte. Da ist etwa auch das Leiden jener „Gastarbeiter“ im Kohlebergbau, die als Bauern aufgewachsen sind. Füruzan Selçuk schildert 1977, dass viele der türkischen Bergarbeiter keine Familientradition des Bergbaus und keine Ausbildung als Bergmann haben. Trotzdem sind sie unermüdlich tätig. „Diese Männer opfern sich und ihre Gesundheit für ihre Familien.“

Der Angst des „Gastarbeiters“ vor dem Berg setzt Fatih Akin 2002 in seinem Film „Solino“ ein Denkmal. Der Film erzählt von italienischen Einwanderern, die 1964 nach Duisburg kommen. Eine kurze Sequenz zeigt die Einfahrt in den Berg – und danach die Gewissheit, diese Arbeit nicht leisten zu können. Der Entschluss wird nicht erklärt. Man muss ihn so begreifen. Deutsche Energiegeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg fußt auch auf solchen Erfahrungen   und Geschichten.

„Erzählte Energie“ sucht nicht nur das künstlerische Erzählen im Buch oder als Film. Die Geschichten, um die es geht, sind die alltäglichen Geschichten, die in Familien weitergegeben werden. Es sind Geschichten, die entstehen, wo die eigene Arbeit erzählt wird. Sie bilden ein Panorama deutscher Energie- und Einwanderungsgeschichte und ihrer Modernisierung. Sie machen Stimmen hörbar, die oft Unerhörtes zu sagen haben.